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Wir sind Hummel, oder: 4 Blendenstufen Push sind Pillepalle

Es gibt Workshops und es gibt Workshops. Im Fall der aktuellen Absolut-Analog-Veranstaltung in unseren neuen Räumen in Tübingen, war es ganz klar einer der spezielleren. Und das im positiven Sinne. Mit Begeisterung und Spaß haben sich die Teilnehmer den unwirtlichen Lichtbedingungen gestellt, vor die wir sie geschubst haben und was dabei raus kam, seht ihr hier.

Der Push

Am Anfang zum Aufwärmen und dran gewöhnen haben wir erst mal mit einem Push über 2 Blendenstufen angefangen. Standardprozedur, nix wildes. Nur wer meinte, der Push wäre nur zum "heller machen" da oder zum verkürzen der Belichtungszeiten in dunklen Situationen, der durfte sich dann über die ungewohnte Kontrastausbeute freuen. Bei prallem Sonnenlicht. Steffens Klappfalter war da dann sogar etwas überfordert, weil er keine tausendstel Sekunde konnte. Ergebnis: herrlichste Kontraste im prallsten Licht.

Alex push
2-Stufen-Push (Alex)

Die Hummel

An dieser Stelle kurz die Anekdote mit der Hummel. Aerodynamiker haben dereinst behauptet, die Hummel könne aus physikalischer Sicht nicht fliegen. Verhältnis Körpergröße und Gewicht zu Flügelfläche oder so. Die Hummel hat nun mal leider von Aerodynamik so ziemlich überhaupt keine Ahnung und darum schlägt sie einfach mit den Flügeln und … fliegt.

Der Pull

Phase zwei - wir nennen sie jetzt einfach mal die Hummel-Phase - ist die mit dem Pull über drei Stufen. Also die Behandlung eines ISO-400-Films als hätte er ISO 50. Ausgeschrieben ist das die 8-fache Menge an Licht, die er eigentlich bekommen soll. In manch einem Online-Forum liest man, dass das nicht geht. Auch die Ausbeute an Entwicklungsrezepten, die man für diesen doch eher ungewöhnlichen Fall online so findet, ist so gering, dass man fast meinen möchte, es ginge tatsächlich nicht.

Alex pull
3-Stufen-Pull (Alex)

Aber wir waren einfach mal ganz Hummel, haben uns nicht verunsichern lassen, und die Ergebnisse sprechen tatsächlich deutlich für sich. In diesem Fall war das ein T-Max 400 in D-76, 1:1, 7min20sek bei 20°C.

Es geht halt doch, und zur Belohnung für den Ungehorsam bekamen die Fotografen dann herrlichste Grauverläufe mit extrem viel Detail und einem Kontrastumfang, der seinesgleichen sucht. Gut gemacht!

Was gelernt

Und auch wir selbst lernen jedes mal noch etwas dazu. In diesem Fall hatte ich (Chris) mir eine sehr kontrastreiche Situation (Innenraum mit Fenster und sonnenbeleuchteter Umgebung außen) geschnappt und eine Belichtungsreihe mit sieben Belichtungen mit je einer Blendenstufe Unterschied gemacht. Was am Ende hinten raus kam, hat selbst mich verblüfft.

Chris pull1 Chris pull2
Bild 1: 1/1000s, Bild 2: 1/15s

Die Ausarbeitung der Bilder wurde am Ende zwar noch minimal angepasst, aber alleine die Tatsache, dass der Film bei diesem 3-Stufen-Pull locker - und ohne irgendwo Zeichnung zu verlieren - diese sieben Blendenstufen breite Belichtungsspanne einfach so ohne zu murren wegsteckt, hat sogar mich weggehauen. Zieht man noch den gesamten Kontrastumfang der Szene in Betracht, dann wird hier eine Breite an Tonwerten erfasst, die fast unmöglich erscheint. Ich werde ab jetzt garantiert noch öfter Pullen. HDR? Wer braucht das? :)

Der Nachbrenner

Am Abend haben wir dann Phase 3 unseres gerissenen Plans gestartet und unter den Teilnehmern den Pushwettbewerb losgetreten. Zur blauen Stunde und zur tiefen Nacht. Wieviele Blendenstufen verträgt so ein TriX oder T-Max 400 wohl?

ISO 1600 - Moni
TriX 400 @ 1600 (Moni)

ISO 1600 (Moni)
TriX 400 @ 1600 (Moni)

Gut, 1600 laufen also. Wie sieht es mit 3200 aus?

ISO 3200 - Steffen
TriX 400 @ 3200 (Steffen)

3200 steffen
TriX 400 @ 3200 (Steffen)

ISO 3200 wird also schon etwas knackiger, aber hat dadurch natürlich auch eine entsprechende Wirkung, der man sich schlecht entziehen kann.

Wollen wir noch eins drauf legen? ISO 6400 - Herrrrrrrrschaften! Der Push über 4 Stufen - ohne Netz und doppelten Boden! Jetzt nur für Sie in dieser Manege! Trommelwirbel… *drrrrrrrr*

ISO 6400 - Alex
T-Max 400 @ 6400 (Alex)

Och, wer sagt's denn. War doch gar nicht so schlimm. Sogar Graustufen haben wir noch einige. Die Hummel fliegt, und das ganz schön hoch.

Salto mortale

An diesem Punkt könnten wir uns nun eigentlich bequem zurück lehnen und den Workshop zum vollen Erfolg deklarieren. Push und Pull in vielen Extremfällen erfolgreich abgeschlossen, kein einziges Bild des gesamten Workshops kam auch nur annähernd schlecht aus der Suppe und es gab für alle Teilnehmer reichlich Erfolgserlebnisse.

Eiiiiigentlich wäre es also hiermit vorbei… wäre da nicht Jürgen gewesen, der - ganz Hummel - meinte, die 4 Stufen Push seien ja wohl Pillepalle und sich auf die ISO 12800 stürzte. Zwölftausendachthundert. Wohl gemerkt mit einem Film, der eigentlich für ISO 400 gemacht ist.

12800a jürgen
T-Max 400 @ 12800 (Jürgen)

Und zu solch einem Ergebnis muss man nun wirklich nicht mehr viele Worte verlieren. Vielleicht auch, weil man etwas sprachlos ist. 5 Blendenstufen, ISO 12800. Ausgeschrieben: ein zweiunddreißigstel des Lichts, das dieser Film eigentlich braucht.

Die Teilnehmer haben ihre kreativen Werkzeugkästchen wieder mit neuen Tools versorgt und wissen nun - nein, sie haben mit eigenen Händen und Augen BEGRIFFEN - dass es außerhalb der gängigen Lehrmeinung noch so einiges gibt, was den Rahmen herrlich (und fast schon subversiv) sprengt und dabei noch richtig glücklich macht.

Leute, wir sind mächtig stolz auf euch!

Chris Marquardt und Monika Andrae veranstalten in der Reihe Absolut Analog Fotoworkshops in Deutschland und in Kanada, die sich der analogen Fotografie mit Film widmen und richten sich an alle, vom Anfänger bis zum fortgeschrittenen Analogfotografen.

Weitere Termine 2012:
14.-15.7.2012: Herrlich Hybrid, Analoges in der digitalen Welt
24.-26.8.2012: Large Format analog, Toronto, Kanada (Sprache: Englisch)
3.-4.11.2012: Einsteigerworkshop, Panschen in Tübingen

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