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Chris Marquardt, 7. June 2026, 14:43

Ein Großformatlüftchen weht

In der Viewfindervilla riecht es seit Tagen nach Entwickler und Fixierer.

Das ist ein gutes Zeichen. Es bedeutet: Wir waren zum Fotografieren auf Rügen. Moni mit der Chamonix 4x5. Ich mit der Minolta X700. Meine Bilder auf 20 Jahre abgelaufenem Farbnegativfilm, der wird noch verschickt. Was Moni schwarzweiß mitgebracht hat, muss jetzt erst noch werden, was es ist.

Moni hatte auf der Insel klare Absichten: Bauten von Ulrich Müther. Müther war ein DDR-Ingenieur, der Beton so gebogen hat, wie andere vielleicht Papier falten. Weitgespannte Schalenkonstruktionen, organisch, von einer Leichtigkeit, die dem Material eigentlich widerspricht. Die Kurmuschel in Saßnitz zum Beispiel. Und der ehemalige Rettungsturm in Binz. Beide beeindruckend und sehr schön zu fotografieren.

Die Kurmuschel in Saßnitz

Was das 4x5-Großformat von fast allem anderen unterscheidet ist nicht nur die Größe des Negativs, sondern der Zeitpunkt der Entscheidungen. Belichtung, Blende, Fokus, Timing. Das liegt alles vor dem Auslösen, nicht danach. Diese vermeintliche Einschränkung räumt den Kopf auf und schafft Klarheit und Zufriedenheit.

Was in diesem Fall leider nicht so ganz zufrieden gemacht hat, ist das Material. Moni dazu:

> „Erinnert mich bitte daran, dass ich den Film nicht mehr benutze. Die Tonwerte des NoColorStudio no.10 sind wunderschön und die superpanchromatische Sensibilierung ist super für Hochkontrast-Lichtsituationen. Aber die Emulsion zerkratzt schon beim schief Angucken und der Träger ist superdünn. Geradezu fimschig. Da hält sich der Spaß beim Handling sehr in Grenzen."

Monis Post auf Mastodon

Großformat erzeugt Reibung, sehr viel gute, manche dafür weniger hilfreich.

Die Kurmuschel in Saßnitz — Mittelperspektive

Dann war da noch der Moment mit dem Rotfilter. Digital leuchtet die Vorschau hell, im Zweifel wird sofort korrigiert und das so oft, bis es sitzt. Bei 4x5 kommt das manchmal erst beim Entwickeln, Wochen später und viele Kilometer entfernt vom Ort des Geschehens.

Moni über die Rückseite der Kurmuschel:

> „So ein 75mm Weitwinkel am Großformat, ist weit. Sehr weit. So sehr, dass frau den Rotfilter besser ohne auch nur den kleinsten Abstand vor die Linse hält. Seufz."

Monis Post auf Mastodon

Tja, Mist. Und trotzdem halt auch was gelernt. Großformat ist ein strenger aber guter Lehrer. Beim nächsten Mal passiert das garantiert nicht wieder.

Die Kurmuschel in Saßnitz — Rückseite, mit Rotfilter-Vignette

Der Müther-Turm in Binz — ehemaliger Rettungsturm

Und ein kleiner Blick hinter die Kulissen:

Filmkassetten auf dem Dielenboden der Viewfindervilla

Zwei Filmkassetten auf den Bodendielen, die Fototasche daneben. Das Licht fällt schräg von hinten. Hier wurde was mit großen Bildern gemacht.

Nicht alle Negative sind entwickelt, Moni panscht noch in der Fotoküche. Welche Bilder noch kommen wissen wir nicht genau. Und das ist auch genau das Richtige an diesem Prozess. Die Entscheidungen lagen auf Rügen. Die Ergebnisse kommen jetzt, Bild für Bild, ans Licht.

Das Großformatlüftchen weht weiter durch die Villa, zum Beispiel am 11./12. Juli 2026 beim Großformatworkshop, hier bei uns in der Viewfindervilla.