Aufmerksamkeit
Aufmerksamkeit ist ein Fotothema, das mich seit einiger Zeit umtreibt. Um genau zu sein seit Jahrzehnten.
Gute Bilder entstehen nicht nur durch Talent oder Technik. Ein Erlebnis begleitet mich schon sehr lange. Mein Onkel ist Künstler, und er hat eine besondere Art, durch die Welt zu gehen, die mir früh aufgefallen ist.
Ich erinnere mich an einen gemeinsamen Spaziergang, der schon einige Jahrzehnte zurück liegt. Wir gingen bei einem Familientreffen durch den Wald spazieren und unterhielten uns. Ich nahm im Gespräch die Umgebung nur so weit wahr, um sicherzustellen, nicht über eine Wurzel zu stolpern. Er dagegen schien innerlich weit offen für alles um uns herum. Immer wieder zeigte er auf etwas am Wegesrand. Einen interessant geformten Farn. Ein Insekt. Eine Spur im Boden. Kleine Formen, Farben, Beziehungen, Details. Dinge, die für mich vorher schlicht nicht da gewesen waren. Erst als ich genauer hinsah, tauchten diese Dinge für mich auf.
Diese Erinnerung hat mich seither nie ganz losgelassen. Er konnte während des Gesprächs die Sinne weit offen halten und vermeintlich unscheinbare Dinge bemerken. Nicht angestrengt, nicht suchend, sondern ganz selbstverständlich. Und genau darin steckt eine gute Nachricht: Wir sind dem nicht ausgeliefert. Wir können Aufmerksamkeit üben.
Sehen ist weder Magie noch Zufall. Je öfter wir Dinge beachten, desto schneller bemerken wir sie wieder. Was wir dagegen immer übersehen, verschwindet irgendwann aus unserer Welt.
