Fotos und Kompost
Vorsicht, ich hatte einen seltsamen Gedanken.
Wenn ich zu lange auf ein Bild starre, oder mich zu kurz nach dem Fotografieren intensiv damit beschäftige, dann verliere ich das Bild. Ich sehe nur noch den Moment, den Aufwand, den Weg dorthin, die Geschichte, die ich beim Fotografieren mit eingesammelt habe.
Das ist das, was ich als Rucksack bezeichne. Das ganze Drumherum, die diffuse Wolke, die für mich um das Bild hängt. Die vernebelt mir den Blick, sie nimmt mir Klarheit beim Beurteilen meiner Bilder.
Dann brauche ich vor allem Zeit. Etwas Abstand. Je nach Projekt ein paar Stunden, Tage, Wochen oder sogar Monate.
Vorhin kam mir der merkwürdige Gedanke, dass dieser Rucksack vielleicht sowas wie ein Komposthaufen ist. Wir schütten immer wieder oben neue Dinge rein. Statt Zwiebelresten und Kartoffelschalen sind es Erlebnisse, Erwartungen, Kälte, Licht, Mühe, Zufälle. Erst ist das alles noch ziemlich sperrig. Es liegt obenauf und riecht noch frisch.

Beim Komposthaufen passiert dann was. Über die Zeit fällt er langsam in sich zusammen. Er fermentiert. Er wird kleiner. Die Einzelteile verschwinden nicht, aber sie werden weniger und drängen sich nicht mehr so nach vorne. Und diese Konzentration macht das Ganze besser.
Vielleicht ist das mit den Bildern und dem Rucksack ähnlich.
Der Rucksack verschwindet nicht. Die Geschichte bleibt. Aber sie wird kompakter. Sie steht nicht mehr zwischen mir und dem Bild. Ich weiß immer noch, was da war, aber ich muss es nicht mehr ständig mitdenken.
Dann kann ich ein Foto wieder als Foto betrachten. Nicht als Erinnerung an einen Umweg oder als Beweis für schlechtes Wetter oder als Trophäe für einen tollen Moment.
Einfach als Bild.
Vielleicht brauchen manche Fotos deshalb Zeit. Sie werden beim Warten nicht unbedingt besser, aber vielleicht hilft es ihnen ja trotzdem, wenn sie erstmal etwas fermentieren.