Easy-Mode Offenblende
Offenblende ist nicht falsch. Sie ist halt der Easy-Mode.
„Das hab ich bezahlt, das wird auch benutzt." Das höre ich öfter, verstehe ich auch total. Ein lichtstarkes Objektiv macht einfach Spaß. Das erste 50/1.8 ist für viele eine Offenbarung. Der Hintergrund wird weich, das Motiv knallt, alles sieht sofort etwas besonderer aus. Bei Porträts, bei Details, bei wenig Licht ist f/1.4 ein tolles Werkzeug.
Aber sie erspart Dir auch eine Menge Arbeit, ohne dass Du das merkst.

Mit Offenblende musst Du Dich um vieles nicht kümmern. Das Motiv ist scharf, der Rest verschwindet. Die Mülltonne im Hintergrund? Weg. Das Straßenschild? Nur noch ein diffuser Fleck. Die unruhige Ecke rechts oben? Cremiges Bokeh. Dein Bild ist aufgeräumt, ohne dass Du wirklich was aufgeräumt hast.
Mach mal weiter zu. Gleiches Motiv, aber jetzt f/11. Und auf einmal ist die Welt wieder da. Der Hintergrund hat Kanten. Der Vordergrund mischt wieder mit. Linien, helle Flecken, Farben, störende Formen, alles ist sichtbar. Jetzt musst Du damit arbeiten.
Freistellen durch Unschärfe geht nicht mehr, jetzt musst du stattdessen gestalten. Wenn Du freistellen willst, brauchst du den passenden Hintergrund. Und was gehört ins Bild, was lenkt ab, kann die Umgebung etwas erzählen, musst Du einen Schritt zur Seite, näher ran, warten, weglassen?
Mit der Offenblende kannst Du einiges ignorieren. Mit mehr Schärfentiefe musst Du Dich jetzt kümmern und es gestalten, damit es ein Bild wird.
Ist die Offenblende deshalb schlecht? Nein, überhaupt nicht. Sie ist ein legitimes Stilmittel, manchmal sogar genau das richtige. Aber als Immer-Einstellung nimmt sie Dir eine der spannendsten Aufgaben der Fotografie aus den Händen: aufmerksam zu sein und alles im Bild ernst zu nehmen.
Trust me, bro (und sis!): wer fotografisch wachsen möchte, dreht ab und zu den Schwierigkeitsgrad etwas nach oben.
f/11 ist dafür ein guter Anfang.