Bevor das Bild entsteht #07 - Gute Reibung
Du hast tausend Bilder auf der Speicherkarte. Und trotzdem das Gefühl, dass keins davon wirklich deins ist.
Das ist weder Zufall, noch liegt es an zu wenig. Es liegt an zu viel.
Nicht nur an zu vielen Bildern und zu vielen Möglichkeiten. Unbegrenzte Möglichkeiten klingt nach Freiheit. In Wahrheit lähmen sie uns. Wenn Du alles fotografieren kannst, so oft Du willst, mit jeder Brennweite, in jeder Sekunde, dann triffst Du keine Entscheidung mehr. Du hältst einfach drauf. Und draufhalten ist etwas anderes als Hinsehen.

Jetzt drehen wir das mal um. Gib Dir selbst eine Grenze. Eine einzige Brennweite. Oder eine feste Zahl an Bildern, die Du an diesem Tag machen darfst. Auf einmal zählt jedes einzelne. Du fängst an, vorher zu überlegen, statt hinterher zu sortieren. Du bewegst Dich, statt zu zoomen. Du wartest auf den richtigen Moment, statt zwanzig mittelmäßige mitzunehmen.
Wir nennen das Reibung und die ist nicht immer nur schlecht. Reibung ist kein Mangel, den wir beheben müssen, sie ist ein Werkzeug. Der Reibungswiderstand zwingt uns, wach zu bleiben. Die Einschränkung macht uns nicht ärmer, sie macht uns aufmerksamer und erfindungsreicher.
Die meisten von uns wollen erstmal mehr. Mehr Ausrüstung, mehr Objektive, mehr Optionen, mehr Speicher. Fortschritt passiert oft genau dann, wenn wir das alles nicht haben.
Deine Übung diese Woche: Nimm Dir eine Beschränkung vor. Eine Brennweite, oder nur acht Bilder für einen ganzen Spaziergang. Und schau, wie sich dein Blick verändert, wenn nicht mehr alles geht.
Nächste Woche geht es um etwas, das Du längst hast und noch nicht kennst. Hint: Es hat mit Deinem fotografischen Stil zu tun.
Die Serie "Bevor das Bild entsteht" gehört zu meinem Buch Abenteuer Fotografie. Auf chrismarquardt.com/abenteuerfotografie kannst du bis einschl. 5.11.2026 ein vom Autor handsigniertes Exemplar vorbestellen
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