Das mag ich nicht. Reden wir über Geschmack.

Ich sage oft "das mag ich nicht".
Zum Beispiel über Oliven, über manche Musik, über Architektur oder Schriftarten.
Ich muss dafür nichts analysieren, ich sehe etwas und habe sofort eine Reaktion darauf.
Ist das schon Geschmack?
Ich bin in letzter Zeit immer wieder an diesem Wort hängen geblieben. Weil Geschmack schnell nach etwas klingt, was man einfach so besitzt. Guter Geschmack, schlechter Geschmack. Als wäre da eine Messlatte.
Das meine ich aber nicht. Was mich mehr interessiert ist, was beim Fotografieren passiert, wenn ich mehrere Optionen habe und zwischen ihnen auswählen kann.
Wenn wir noch am Anfang stehen, ist diese Frage sehr leise. Da beschäftigen uns genügend andere Dinge. Ist das Bild richtig belichtet? Sitzt die Schärfe? Welche Brennweite ist gut für das Bild? Wie kriege ich das Bild aus meinem Kopf in die Kamera?
Mit der Zeit automatisieren wir vieles davon.
Und dann stehen wir da, mit einer Kamera, die viel kann und mit unseren Skills, die mittlerweile auch ganz ordentlich sind. Und vor uns ist ein Motiv.
Jetzt müssen wir noch wissen, was wir wollen. Das ist in dem Augenblick das neue Problem.
Ein Beispiel:
Vor mir ist eine Blume. Dahinter eine Hausecke. Von der eine Seite ist sie im Licht, die andere Seite ist im Schatten.
Ich kann die Blume einfach so fotografieren.
Oder ich bewege mich ein paar Zentimeter nach links oder rechts, dann schneidet die Hauskante nicht durch die Blume.
Etwas weiter und die Blume steht direkt vor der dunklen Hausseite oder vor der hellen. Im ersten Fall erhöht das den Kontrast und gibt ihr mehr Separation vom Hintergrund.
Am Ende sind das mehrere Optionen, die beinahe das gleiche Bild ergeben. Aber halt nur beinahe.
Dieses beinahe interessiert mich.
Welche Version wähle ich? Vielleicht die mit dem ordentlicheren Hintergrund? Vielleicht macht mir die durch die Blume schneidende Hauskante gar nichts aus, vielleicht habe ich die überhaupt nicht bemerkt? Vielleicht finde ich ja sogar, dass das Bild langweilig wird, wenn ich zu viel aufräume.
Das ist für mich der Moment, in dem Geschmack wichtig wird. In der Auswahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten.
Ich bemerke das immer häufiger. Wie viel Platz lasse ich um Dinge in meinen Fotos? Wie nah dürfen verschiedene Formen im Bild sich kommen, bevor es mich stört? Will ich den aufgeräumten Hintergrund oder ist etwas Unordnung vielleicht sogar gut?
Jede für sich ist eine kleine Entscheidung. Meistens geschehen die nebenbei, ich bemerke sie kaum noch. Und selbstverständlich kann ich immer noch sagen "die Version gefällt mir besser".
Mich interessiert, ob ich rausfinden kann, warum sie mir besser gefällt.
Das kann ich nicht immer, aber manchmal ist es sehr deutlich. Die Blume hebt sich besser von der dunklen Hausseite ab. Die Person am Rand macht das Bild für mich interessanter. Die perfekte Symmetrie fühlt sich zu aufgeräumt an. Der leere Raum links im Bild ist genau das, was es braucht.
Mit der Zeit sammeln sich viele solcher Dinge an. Ganz besonders auch durch das bewusste Betrachten von Fotos, die wir nicht selber gemacht haben. Fotobücher, Coffee Table Books. Unfassbar wertvoll. (Workshops übrigens auch 😉)
Vielleicht ist es das, was ich als Geschmack bezeichne. Nicht eine Sammlung von Regeln, sondern die Summe der Vorlieben, die wir durch viel Schauen und Ausprobieren und Entscheidungen über die Jahre angesammelt haben und die sich über die Zeit zu einem ... Ding ... formen.
Und dann ändert sich dieses Ding wieder.
Ich habe Fotos, auf die war ich vor zehn Jahren sehr stolz. Und heute frage ich mich, warum zum Henker ich die gemacht habe.
Andersrum finde ich heute alte Bilder in meinem Archiv, die eher aus Versehen sagenhaft gut geraten sind, deren Genialität ich aber damals nicht erkennen konnte.
Das beruhigt mich.
Geschmack ist nicht in Beton gegossen. Er darf sich bewegen und verändern. Er darf sich sogar widersprechen. Und ich muss auch nicht zu jedem Zeitpunkt in der Lage sein, alles zu erklären.
Ich möchte dieses Bauchgefühl nicht missen. Ganz im Gegenteil. Es ist oft schneller als der Kopf und damit erstaunlich nützlich.
Nur ab und zu möchte ich gerne überprüfen, was es genau tut und warum, denn ab und zu reicht mir dieses "das gefällt mir" halt nicht.
Ab und zu möchte ich verstehen, warum ich einen halben Schritt nach links gegangen bin.
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